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Unser Veranstaltungsrückblick

Jubiläumsfachtag „10 Jahre FAPIQ“ am 01.12.2025

Am 1. Dezember 2025 fand in Potsdam der Fachtag „10 Jahre FAPIQ – Fachstelle Altern und Pflege im Quartier im Land Brandenburg“ statt. Rund um das Jubiläum kamen hundert Personen aus Fachpraxis, Wissenschaft, Politik sowie zahlreiche Akteurinnen und Akteure aus Kommunen, Verbänden und Initiativen zusammen, um gemeinsam auf ein Jahrzehnt Gestaltung von alterns- und pflegegerechten Sozialräumen in Brandenburg zurückzublicken – und zugleich den Blick nach vorn zu richten.
Ein Plenum mit vielen Zuschauern
©André Wagenzik
Nach der Eröffnung durch Projektleiterin Katharina Wiegmann würdigte Rainer Liesegang, Abteilungsleiter Soziales, Familie und Pflegepolitik des Ministeriums für Gesundheit und Soziales, die landesweite Bedeutung der Fachstelle und die Umsetzungskraft der beteiligten Partner. „FAPIQ hat von Anfang an Pionierarbeit geleistet und aus ersten Ideen eine landesweit wirksame Struktur geschaffen, die bis heute Maßstäbe setzt.“ Die Fachstelle sei „eine Erfolgsgeschichte: verlässlich, innovativ und unverzichtbar für die Weiterentwicklung der Pflege im Land Brandenburg.“

Liesegang betonte die enge Kooperation zwischen dem Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., der Alzheimer-Gesellschaft Brandenburg und dem IGF, die den Grundstein für die heutige Fachstelle legte. FAPIQ habe sich zu einer zentralen Impulsgeberin für altersgerechte Quartiersentwicklung im Land Brandenburg entwickelt und über zahlreiche Förderprogramme – darunter „Gut älter werden im vertrauten Wohnumfeld“ und „Pflege vor Ort“ – hunderte Projekte initiiert, begleitet und sichtbar gemacht.
Besonders hervorgehoben wurden die kommunalen Pflegedossiers, die regionale Präsenz der Fachstelle, die Pflegenetzwerke, die AG Pflegestrukturplanung sowie der Ausbau alltagsunterstützender Angebote. Liesegang würdigt FAPIQ als verlässliche, innovative Partnerin, die Erkenntnisse aus der Praxis konsequent in Landesstrukturen einbringt und durch ihr Engagement maßgeblich zur Weiterentwicklung der Pflege im Land Brandenburg beiträgt. Er schließt mit deutlicher Wertschätzung und der Zusicherung, dass das Thema Altern und Pflege weiterhin hohe Priorität im Sozialministerium behält.

Im Fokus: Die Arbeit der FAPIQ
Im Rahmen des Tages bot die FAPIQ einen umfassenden Einblick in zehn Jahre Fachstellenarbeit. Präsentiert wurden zentrale Themenfelder wie Alltagsunterstützende Angebote (AuA), alternsgerechte Quartiersentwicklung, Wohn-Pflege-Gemeinschaften, Pflege vor Ort, Pflegenetzwerke, Pflegestrukturplanung sowie der Strukturaufbau in den Kommunen. Die Beiträge Mitarbeitenden der Fachstelle zeigten, wie vielfältig die Ansätze gewachsen sind und welche Wirkung sie in den brandenburgischen Kommunen entfalten.

In der Umsetzung dieser Themen agiert die FAPIQ als zentrale Unterstützungsstruktur, die Kommunen, Organisationen und Initiativen durch fachliche, methodische und organisatorische Beratung stärkt. Die Fachstelle versteht sich dabei als Impulsgeberin, Prozessbegleiterin und „Fördermittelfinderin“, die lokale Akteure von der ersten Idee bis zur Realisierung begleitet. Zu den Kernaufgaben gehören neben der individuellen Beratung vor allem die Vernetzung der Akteure, die Durchführung von Qualifizierungs- und Austauschformaten sowie die Unterstützung bei der Nutzung von Förderprogrammen wie dem FAPIQ-Förderaufruf. Ziel aller Maßnahmen ist es, alters- und pflegefreundliche Lebensräume zu schaffen, die Menschen ein langes, selbstbestimmtes Leben im vertrauten Wohnumfeld ermöglichen.

Pflegepolitische Einordnung und Perspektiven
„Ein Rucksack voller Anschubmittel“
Wissenschaftlicher Impuls und Rückblick auf die Fachstellenarbeit
Mit einem wissenschaftlichen Impuls erläuterte Ursula Kremer-Preiß die Bedeutung sozialräumlicher Ansätze in der Pflege und ordnete die Entwicklungen des letzten Jahrzehnts fachlich ein. Sie betonte, wie schwierig es sei, die Wirkung sozialräumlicher Pflegeprojekte wissenschaftlich exakt zu berechnen. Einzelstudien zeigen jedoch klar: Menschen in Quartiersprojekten bewerten ihre Lebenssituation häufig besser, und präventive sowie ehrenamtliche Strukturen können langfristig Kosten im Leistungsrecht senken. Die Wirkung sozialräumlicher Maßnahmen zeige sich oft erst nach mehreren Jahren, was die wissenschaftliche Zuordnung erschwert. Kremer-Preiß erläuterte, dass externe Faktoren – etwa neue Mobilitätsangebote oder bauliche Entwicklungen – Ergebnisse stark beeinflussen können.

Anhand vieler Beispiele aus der Behindertenhilfe, der Jugendarbeit und der Pflege zeigte Ursula Kremer-Preiß, dass sich sozialraumorientierte Ansätze auch auf kleiner Ebene bewähren. Entscheidend sei hierbei, lokale Strukturen zu verstehen und Maßnahmen als langfristige Investition zu begreifen. „Der digitale Wandel bietet ein enormes Potenzial für das selbstständige Wohnen im Alter. Dennoch bleiben Kosten, Berührungsängste und fehlende Begleitprozesse zentrale Hürden für eine breite Anwendung.“ Besonders wichtig sei lebenslanges Lernen – auch nach dem Berufsleben.

Kremer-Preiß unterstrich, dass ältere Menschen technische Entwicklungen nur dann nutzen können, wenn sie kontinuierlich begleitet werden. Ohne niedrigschwellige Lernangebote, Musterwohnungen und unterstützende Fachkräfte drohe ein Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen. Mit Blick auf den Wohnungsbau warnte sie, dass Barrierefreiheit aktuell hinter energetischen Anforderungen zurückzufallen droht. Nachrüstungen seien jedoch deutlich teurer als präventive Lösungen, weshalb altersgerechtes Wohnen frühzeitig mitgedacht werden müsse.

Die Zukunft als „Sorgende Gemeinschaft“
Ulrich Wendte, Referatsleiter „Pflegepolitik, Betreuungs- und Heimrecht“ des Ministeriums für Gesundheit und Soziales, stellte in seinem Vortrag das Menschenbild in den Mittelpunkt: „Pflegebedürftigkeit bedeutet keinen Rückzug, sondern Würde, Teilhabe und das Recht, auf andere angewiesen zu sein.“ Er betonte, dass Pflege ein Zusammenspiel aus Eigenverantwortung, persönlichem Netzwerk, Community und Staat ist – und dass Caring Communities, also Sorgende Gemeinschaften, eine unverzichtbare Ergänzung des formellen Sozialstaats darstellen.

Wendte macht deutlich, dass Brandenburg in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte erzielt hat, insbesondere durch den Ausbau ambulanter Strukturen, wodurch stationäre Pflegeplätze eingespart und Kosten reduziert wurden. Gleichzeitig warnt er vor Überlastung und betonte die Notwendigkeit, informelle Hilfe mit professionellen Strukturen klug zu verbinden.

Zentral sei für ihn der Gedanke der „sorgenden Gemeinschaft“: Pflege gelingt vor Ort, wenn Kommunen, Zivilgesellschaft, Familien, Vereine und professionelle Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen. Der Pakt für Pflege habe gezeigt, wie viel Engagement vor Ort mobilisiert werden kann. Dennoch brauche es stärkere Verankerung, politische Stabilität und strategische Weiterentwicklung, etwa durch bessere Beteiligung, mehr Vernetzung, klare Aufgabenverteilungen und ein stärkeres Community-Bewusstsein.

Wendte plädierte dafür, Angebote konsequent vom Menschen her zu denken und Ungleichheiten zwischen Kommunen aktiv auszugleichen. Pflege sei ein überparteiliches Thema und zugleich ein Beitrag zur Stärkung lokaler Demokratie, weil es Menschen im unmittelbaren Lebensumfeld verbindet.

In einem abschließenden Gespräch kamen die Praxispartnerinnen und -partner Matthias Gumberger (Sozialplanung Stadt Potsdam), Evelin Miethke (Ortsvorsteherin von Ortwig, einem Ortsteil der Gemeinde Letschin, und Vorsitzende des Seniorenbeirats Letschin) und Anke Gersmann (Mitarbeiterin „Pflege im OderVorland“) zu Wort.

Die Beiträge aus deren Praxis in Kommune und Stadt zeigten, wie wirksam lokale Strukturen sind, wenn Hauptamt, Ehrenamt, persönliche Erfahrung und kommunale Netzwerke Hand in Hand arbeiten. Ob kleine Gemeinde, kreisfreie Stadt oder weitläufiger ländlicher Raum: Überall entstünden durch persönliche Ansprechpersonen, Begegnungsorte, nachhaltige Netzwerkpflege und gezielte Projektförderung starke „Knotenpunkte“, an denen Informationen fließen, Teilhabe ermöglicht wird und Pflege im Alltag konkret spürbar wird.

Wichtig seien authentische Vertrauenspersonen vor Ort: Menschen, die aus der Region kommen, deren Lebenswege verstanden werden und die mit persönlicher Erfahrung Brücken bauen können. Gleichzeitig wurde klar: Hauptamt ist unerlässlich, um Ehrenamt zu stabilisieren, Strukturen zu verstetigen und Projekte langfristig zu sichern.

Alle drei Stimmen betonten, dass Sorgende Gemeinschaften nicht zufällig entstehen, sondern durch Engagement, Koordination, Vernetzung und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Die gezeigten Projekte erzeugten spürbare Effekte – von neuen Sportgruppen über Digitalisierungsschulungen bis hin zu präventiven Hausbesuchen. Doch sie stehen auch vor Herausforderungen: Die Verstetigung der Finanzierung, klare Rahmenbedingungen (z. B. Nachbarschaftshilfe) und mehr Anerkennung für die Arbeit vor Ort bleiben zentrale Anliegen. „Es darf nicht an der Finanzierung scheitern – was heute Teilhabe ermöglicht, stärkt morgen die ganze Kommune“, hieß es aus der Runde.

Der Tag endete mit einem gemeinsamen Get-Together, den die Teilnehmenden zum vertiefenden Austausch und zur Netzwerkpflege nutzten.

Alle Bilder: André Wagenzik

Praxisdialog: Wirkung vor Ort